Praxisbrief Sinn & Leben
Raphael
Der Schnee war dahin geschmolzen und durch den noch kalten Boden kämpften sich die ersten Knospen hervor. Kleine Scharen von Vögeln kamen zurück. Wie wunderschön das aussah. Die Vorfreude auf die kommenden warmen Tage war überall zu spüren.
"Wenn da nicht die Sorgen wären, diese vielen Sorgen und Ängste", dachte Frau Meier als sie mit sorgenvollem Blick gehetzt an der Bank vorbeieilte, auf der ich mit Raphael gerade saß. "Guten Morgen, Frau Meier", rief ich. Frau Meier blieb stehen. "Guten Morgen", sagte sie. "Sie wirken sehr unruhig", bemerkte Raphael sogleich. "Ja, wenn du meine Sorgen hättest, würdest du auch nicht so ruhig auf der Bank sitzen", sagte Frau Meier. Raphael rutschte zur Seite und bat Frau Meier sich ein paar Minuten zu ihm zu setzen. "In der Ruhe liegt die Kraft", sagte Raphael und schaute Frau Meier in die Augen. "Ich mache mir Sorgen", sagte Frau Meier, "das Geld ist knapp, alles ist teurer geworden und mein kleiner Gemüseladen läuft nicht mehr".
Und dann ist doch genau noch das eingetreten, wovor ich immer Angst hatte. Meine Katze ist weg. Einfach weg und nicht mehr gesehen. "Sie tragen die Verantwortung für das was in ihrem Leben passiert", sagte Raphael. "Wie bitte?" schrie Frau Meier, das ist doch wohl unverschämt, ja glaubst du denn, dass ich das alles gewollt habe? Raphael schaute sie an. "Worüber haben Sie in den letzten Jahren am meisten nachgedacht?" fragte er. "Na genau über das, dass der Laden nicht mehr läuft und dass meine Katze irgendwann weg ist", antwortete Frau Meier. "Genau", sagte Raphael, "es ist also eingetreten, was Sie sich gewünscht haben".
"Immerhin haben Sie es ja all die Jahre kräftig ausgesendet." Frau Meier stutzte. "Du willst mir jetzt sagen dass das, woran ich die letzten Jahre gedacht habe, eingetreten ist, weil ich daran gedacht habe?" "Ja, sagte Raphael, das ist das, was Sie energetisch die ganze Zeit ausgesendet haben, die Angst zu verlieren. Und jetzt verlieren Sie." Raphael lächelte liebevoll, stand auf und ging davon. Frau Meier liefen die Tränen über die glühenden Wangen. Sie sprang auf. "Na, wenn das so ist, dann wollen wir mal", rief sie und eilte in Richtung ihres grasgrün gestrichenen schiefen Häuschen mit dem kleinen Gemüseladen.