Praxisbrief Sinn & Leben
Raphael
Es war Winter geworden in unserem kleinen Dorf. Die Bäume streckten ihre schneebedeckten Zweige zueinander als wollten sie sich gegenseitig Wärme geben. Die Dorfbewohner huschten geschäftig hin und her und aus den Küchenfenstern duftete es nach Weihnachtsplätzchen. Weihnachten stand vor der Türe. Dieses Mal war ich auch so richtig aufgeregt. "Ob sich alle über meine Steine freuen würden? Ob mein Plan aufgeht und alles wieder so wird wie früher? Zieht Fülle wirklich Fülle an?"
In meinem Kopf gingen die Gedanken hin und her. Raphael, der in meinen Plan eingeweiht war, streifte mich mit seinem unnachahmbaren Lächeln im Vorbeigehen. Und dann war es soweit. Der Handkarren war bis oben hin beladen mit meinen Steinen. Ich klingelte an der ersten Haustüre. Mit Herzklopfen wartete ich, bis sich die Türe öffnete.
Ich streckte meine Hand aus, gab der alten Dame einen Stein und wünschte ihr Frohe Weihnachten. Und dann geschah es. Ein Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus, sie huschte in ihre Wohnzimmer und kam zurück mit einem wunderschönen Stein. "Frohe Weihnachten" sagte sie und drückte mir den Stein in die Hand. Und so erging es mir an jeder Haustüre an der ich klopfte, und als ich meinen Weg nach Hause antrat, war mein Handkarren genauso voll wie vorher. Und nicht nur das, wir alle hatten ein aufregendes Neujahrsfest und die bunten Steine wechselten im neuen Jahr wieder eifrig ihre Besitzer. Die Menschen waren sich wieder näher gerückt. Nur Herr Griesgram, der alte Mann der am Ende des Dorfes wohnte, hatte sich nicht verändert. Gestern erst war er aus der Haustüre gestürzt und hatte die Kinder beschimpft die lachend auf ihren Schlitten an seinem Haus vorbeifuhren. Dabei war der Hang der hinter seinem Haus lag doch der beste Rodelhang in der ganzen Umgebung.
Mit seinen Nachbarn hatte er auch ständig Streit. Die Äste von Familie Müller die in seinen Garten reichten oder gar die Äpfel die im Herbst in seinen Garten fielen, die lachenden Kinder, all das gab ihm Anlass seinem Unmut Luft zu machen. Wenn er im Dorf aufkreuzte, machte man einen Bogen um ihn und wenn er die Ladentür von Herrn Baumanns Geschäft hinter sich schloss, wurde er zum Tagesgespräch. Zu Frau Gerne hatte er einmal gesagt, er wolle dafür sorgen, dass Ordnung im Dorf herrsche. Ich nahm mir fest vor, an diesem Nachmittag bei unserem gemeinsamen Spaziergang durch den verschneiten Wald, Raphael darauf anzusprechen.
"Raphael", fragte ich, "was ist mit Herrn Griesgram los? Wie können wir es schaffen, dass auch er sich ändert, dass es nicht immer so viel Streit um den Griesgram-Hof herum gibt? Die Leute sprechen bald über nichts anderes mehr." Raphael lächelte und antwortete: "Jeder auf diesem Planeten, ob griesgrämige Leute, mürrische Büroangestellte, schlecht gelaunte Ehepartner, streitende Kinder oder verurteilende Nachbarn, jeder glaubt, dass er sein Bestes gibt. Was denkst du, wie du so jemanden erreichst, der glaubt sein Bestes zu geben? Wie würde jemand dich erreichen?" "Naja", sagte ich, "er müsste mich erst mal so nehmen wie ich bin." "Genau", sagte Raphael, " du entscheidest wo die Liebe wächst. Jede Seele auf Erden sehnt sich nach deiner Anerkennung. Die Annahme kommt vor der Veränderung." Schweigend gingen wir durch die Abenddämmerung zurück zum Dorf.