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Praxisbrief Sinn & Leben - Praxis für Naturheilkunde und Psychotherapie - Mandy Protze-Kälberer Waldbreitbach

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Praxisbrief Sinn & Leben

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Raphael

Der Wind wehte durch unser kleines Dorf, die bunten Blätter fielen von den Bäumen.
Hin und wieder sah man einen Drachen steigen, die Dorfbewohner eilten mit hochgezogenen
Mantelkrägen vorbei. Es war Herbst geworden. Man konnte beobachten wie die Leute stehen blieben und sich einen Stein schenkten, dabei lächelten und ein paar Worte wechselten.
Wärme in dieser windigen, kühl werdenden Zeit.
Draußen vor dem Laden von Herrn Baumann trafen sich Frau Wenig und Frau Gerne wie jeden Morgen um eines der frisch gebackenen Brote, die so lecker aus dem Laden dufteten, abzuholen. Wie jeden Morgen steckte Frau Gerne ihre Hand aus um Frau Wenig einen Stein zu geben und ihr einen schönen Tag zu wünschen. Frau Wenig aber hielt diesmal inne, ihre Hand blieb geschlossen. Frau Gerne stutzte, denn es war mittlerweile üblich, sich, wenn man sich begegnete, einen Stein zu schenken und sich einen schönen Tag zu wünschen.

"Tja", sagte Frau Wenig, "ich werde heute meinen Stein behalten, es kommen schlechte Zeiten, du siehst ja es wird kalt. Erwin und ich haben erst gestern darüber gesprochen, dass es ja sein könnte, dass wir nicht die gleiche Anzahl Steine zurückbekommen wie wir hergeben und dann könnte es ja sein, dass wir irgendwann keine mehr haben, während andere ganz viele haben. Ich werde dir daher heute keinen Stein geben." Frau Wenig ging in den Laden und ließ die verdutzte Frau Gerne stehen. Nachdem auch Frau Gerne ihr Brot abgeholt hatte, eilte sie nach Hause. Ihrem Gatten erzählte sie gleich von den Bedenken der Frau Wenig.

Man beratschlagte und kam zu dem Schluss, dass man möglichst selbst auch nur noch jedem Zweiten dem man begegnet, einen Stein schenkt, um mehr zu erhalten als man gibt. Tja und so setzte es sich weiter fort, immer mehr Leute die sich begegneten, schenkten sich nichts mehr und eilten aneinander vorbei, ohne sich zu grüßen. Von dem ein oder anderen hörte man, dass er für seine Steine ein sicheres Versteck gefunden hatte, aus Angst man könnte ihm die Steine stehlen. Es war kalt geworden in unserem kleinen Dorf.

Am Rande des Dorfes eröffnete Herr Fuchs gerade seinen Steineladen. Man konnte dort künstliche Steine kaufen. Zu horrenden Preisen, denn Steine waren Geld wert. Eine Schlange Menschen stand vor der Türe um die schönsten Steine zu ergattern. Auf Herrn Baumanns Theke lagen keine Steine mehr und die alte Elli hatte aufgehört zu lachen. "Elli", sagte ich, "du lachst ja gar nicht mehr, was ist los?" "Es ist eine schwere Last mit den Steinen", sagte Elli, "ich trage sie bei mir, damit keiner sie mir nimmt. Die Steine von Herrn Fuchs kann ich  mir nicht leisten." Und mit verbissenem Blick eilte sie davon.

Traurig setzte ich mich unter die dicke knorrige Eiche, auf der eine Amsel einsam ihr Lied sang. Von weitem sah ich Raphael kommen. Er setzte sich neben mich und lächelte. "Na", fragte er, "was guckst du so traurig?"
"Ach, du hast es ja sicher schon bemerkt, die Leute grüßen nicht mehr, sie schenken sich keine Steine mehr aus Angst nicht das zurückzubekommen, was sie gegeben haben."
"Es ist die Angst und das Gefühl des Mangels, das die Menschen dazu bewegt. Aber Mangel wird Mangel anziehen." Raphael schaute hoch zur Amsel, die immer noch auf dem Ast saß.
"Sie vertraut", sagte er, " sie sorgt sich nicht um den nächsten Tag."
"Was soll ich nur tun ?", fragte ich.
"Gebe und vertraue und du wirst empfangen und Vertrauen zurückerhalten." Fülle zieht Fülle an, genau wie Neid und Missgunst Neid und Missgunst anziehen." , sagte er und schlenderte davon.
Nachdenklich schaute ich auf die Amsel. Und dann kam mir die Idee. "Ich würde an Weihnachten alle meine Steine verschenken, einfach so, und den schönsten Stein, den würde ich Elli schenken, damit sie wieder lacht."


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