Praxisbrief Sinn & Leben
Grenzen setzen? - nein danke, zu anstrengend
Peinlich! Wir stehen an der Kasse und mein Kind möchte das Überraschungsei.
Ich sage "nein", weil man kann ja nicht alles kaufen. Außerdem ist das ja sowieso eine Frechheit, dass die Süßigkeiten immer genau vor der Kasse drapiert werden. Aber Julian will es unbedingt haben. Er fängt an, bitterlich zu weinen. Die Leute drehen sich um, sie schauen erst Julian an und dann mich, vorwurfsvoll natürlich. "Das arme Kind", bemerkt eine ältere Dame. Julian ergießt sich im Mitleid der umstehenden Personen, er steht im Mittelpunkt, bzw. er liegt, denn mittlerweile hat er sich auf den Boden fallen lassen. Eine jüngere Mutter vor mir dreht sich um und schüttelt den Kopf. Ich denke nur noch: "Erdboden unter mir tue dich auf". Ich zerre Julian am Arm nach oben und lege das Ü-Ei in den Wagen. Julian strahlt. "Nur noch raus", denke ich. Zu Hause halte ich dem Schokoladenverschmierten Julian eine wütende Predigt, während er sein Spielzeug zusammenbaut.
Julian und seine Mutter befinden sich in einem Kampf um Macht. Wir stellen fest: Julian hat gewonnen, sicher nicht zum ersten Mal und nervlich sowieso, denn im Gegensatz zu seiner Mutter geht es ihm gut. Und das nächste Mal wird er wieder gewinnen, er weiß ja jetzt was er zu tun hat.
Wir stehen an der Kasse. Jan und ich haben gemeinsam eingekauft. Er hat ein paar Sachen in seinen kleinen Einkaufswagen getan und ich in meinen großen Wagen. Jan sieht die Überraschungseier und möchte gern eines. Ich erkläre Jan mit fester und ruhiger Stimme, dass wir schon sehr viel eingekauft haben und er heute kein Ü-Ei bekommt. Jan fängt an zu weinen. Die Leute schauen auf Jan und auf mich. Ich konzentriere mich auf Jan. Eine Dame sagt: "Das arme Kind". Ich antworte ihr: "Ja, es ist für Kinder manchmal schwer zu verstehen, warum sie etwas nicht in diesem Moment haben können, aber es ist wichtig dass sie es lernen, denn nur so werden sie Dinge schätzen und Grenzen akzeptieren lernen. Das denken sie doch sicher auch? Ich wende mich Jan zu, der mittlerweile auf dem Boden liegt und brüllt "Du bist gemein." Ich ignoriere das und frage ihn, ob er die Waren aus seinem Wagen auf das Band legen möchte. Jan steht auf, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und fängt eifrig an, die Lebensmittel aufs Band zu legen.
Die Mutter von Jan ist ruhig geblieben. Sie hat sich nicht in einen Machtkampf verwickeln lassen. Sie hat mit ruhiger und fester Stimme gesprochen und die Regeln aufrechterhalten die sie gesetzt hat. Sie hat Jans Herausforderung " Du bist gemein" ignoriert, denn sie wusste, dass es nur für den Augenblick und Teil seiner Wut war.
Woran erkennen wir als Eltern dass wir uns in einem Machtkampf befinden?
Haben wir einen befehlenden, ärgerlichen Ton? Sind wir zornig oder liefern uns gar Wortschlachten oder werden handgreiflich?
Wie sind die Folgen? Macht das Kind so weiter wie zuvor? Zeigt es ständig Trotz?
Sind wir ärgerlich und gekränkt nach den Ereignissen?
Stellen Sie Regeln auf und setzen Sie Grenzen. Liebevoll und ruhig. Denn jedes Schreien, jeder Ausbruch Ihrerseits, jeder Machtkampf ist Aufmerksamkeit für die Trotzreaktion pur. Sprechen sie mit fester Stimme und richten Sie die Aufmerksamkeit auf die Dinge die zu tun sind. Fördern Sie also das richtige Verhalten. Achten Sie ihr Kind und ermutigen Sie Ihr Kind. Zeigen Sie ihrem Kind dass Sie es lieben auch wenn es wütend ist. Ihr Kind liebt sie. Sätze wie "Ich hasse dich" oder "Du bist gemein" in Wut gesprochen beziehen sich auf die Sache, nicht auf Sie.