Praxisbrief Sinn & Leben
Pubertät - Die zweite Trotzphase
Welche Eltern pubertierender Kinder kennen das nicht? Laute Musik strömt aus dem unaufgeräumten Zimmer, eben noch gut gelaunt, motzt ein Kaktus "lass mich in Ruhe" und gibt sich seinem Weltschmerz hin. Der Pickel im Gesicht wird zu mittleren Katastrophe und alle mühsam vermittelten Werte scheinen im häuslichen Umfeld hinter einem starken Egoismus versteckt zu sein. Es gibt Streit, Beleidigungen fliegen umher und wo man doch alles für sein Kind getan hat, ist man einfach nur noch peinlich. Grenzen werden ausgetestet und die rote oder grüne Haarsträhne oder der dritte Ohrring wird zum Dauerthema.
Was ist also Pubertät, was passiert im Körper eines heranwachsenden Menschen, woher kommt diese Launenhaftigkeit und dieses anstrengende Verhalten und wie gehen wir Eltern damit um?
Unter Pubertät (lat. Mannbarkeit) versteht man die Zeit der eintretenden Geschlechtsreife die im weiteren Verlauf zur Fortpflanzungsfähigkeit und zum ausgewachsenen Körper führt. Die Phase beginnt, wenn die Gehirnanhangdrüse ein hormonelles Signal an den Körper sendet, verstärkt Geschlechtshormone herzustellen und in das Blut auszuschütten. Dies ist bei Jungen in erster Linie das Testosteron, bei Mädchen das Östrogen. In Folge kommt es dann zur Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale wie etwa der Körperbehaarung.
Für die Launenhaftigkeit und die Stimmungsschwankungen ist eine Kombination von Hormonen und Situationen verantwortlich. Die Pubertierenden werden in den von den Erwachsenen strukturierten Situationen mit Problemen konfrontiert auf die sie durch die vermehrte Hormonausschüttung mit stärkeren Gefühlen reagieren. Das Handeln der Eltern wird durch die verbesserte Urteilsfähigkeit des Kindes in Frage gestellt, kritisiert und überprüft. Dabei spielen Einflüsse im Freizeitbereich eine Rolle. Die Jugendlichen wollen für ihren Freizeitbereich selbst entscheiden, die Eltern wollen jedoch ihre Kinder vor Schaden bewahren und nehmen so eine Gegenposition ein.Es scheint wie eine zweite Trotzphase.
Versuchen Sie das Verhalten Ihres Kindes auszuhalten und nehmen Sie es nicht persönlich. Ihr Kind versucht sich von Ihnen zu lösen und das ist für seine Entwicklung sehr wichtig. Es bedingt, dass Ihr Kind sich mehr auf sich konzentrieren muss, daher wirkt es manchmal so egoistisch. Das Erkämpfen von Freiräumen, Ausloten von Grenzen und Ausprobieren was das Leben so zu bieten hat, dient dazu Erfahrungen zu sammeln, die eigenen Schwächen und Stärken herauszufinden und sich selbst besser kennen zu lernen. Versuchen Sie nicht Ihr Kind zum sonntäglichen Spaziergang zu überreden, sondern haben Sie Verständnis dafür, dass es sich eben lieber mit der Freundin oder dem Freund trifft oder Musik hört. Erinnern Sie sich an Ihre Pubertät. Wollten Sie gerne mit Ihren Eltern spazieren gehen?
Nutzen Sie die Zeit sich wieder eigene Freiräume zu schaffen. Dies erleichtert Ihrem Kind den Ablösungsprozess. Es muss nicht das Gefühl haben, bei der Verwirklichung von eigenen Interessen, traurige Eltern zurückzulassen. Geben Sie Ihrem Kind Verantwortung für sich selbst und für bestimmte Bereiche im sozialen beziehungsweise familiären Umfeld. Dazu kann gehören, für das eigene Zimmer verantwortlich zu sein aber auch eigenständige Aufgaben im Haus gehören dazu. Anstatt über das unaufgeräumte Zimmer zu meckern, legen Sie Regeln fest, wie z.B. einmal in der Woche ist Zimmeraufräumtag und loben Sie Ihr Kind wenn es Verantwortung übernommen hat. Vielleicht sprechen Sie gemeinsam darüber ob und wie Ihr Kind sein Zimmer neu gestalten möchte und geben Sie ihm Tipps dazu. Schon mit einfachen Mitteln kann man sich ein gemütliches Zimmer einrichten. Egal ob Ihr Kind lautstark rebelliert, sie manchmal mit Worten verletzt oder sich mit dem Kopfhörer zurückzieht, alles gehört zur Ablösung. Trotz allen Trotzes braucht Ihr Kind sie in dieser Zeit ganz besonders. Stehen Sie als Berater zur Verfügung.
Setzen Sie liebevoll Grenzen und seien Sie konsequent aber lassen Sie Ihr Kind seine eigenen Erfahrungen machen. Die braucht es um selbständig zu werden. Schreien Sie Ihr Kind nicht an, wenn es mal wieder irgendwelche Kraftausdrücke benutzt, sondern sprechen Sie mit ihm darüber wenn der Gefühlsausbruch abgeklungen ist.
Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Ihr Kind prüft in dieser Zeit genau Rechte, Freiräume, Werte und Sozialverhalten. Eltern die sich selbst Freiräume gestatten, zeigen dem Jugendlichen, dass sie wichtig sind und dass es selbst damit auch wichtig ist. Zeigen Sie Ihrem Kind dass Sie sich annehmen so wie sie sind. Dann kann es Ihr Kind auch tun.
Und halten Sie als Eltern zusammen. Wenn der eine Dinge verbietet, der andere sie hinter dem Rücken des anderen wiederum erlaubt weil er die Konfrontation nicht aushalten kann, zeigen Sie Ihrem Heranwachsenden dass Regeln subjektiv verändert werden können, Sie entziehen Ihren Kindern so die gerade für diese Zeit wichtige Sicherheit.
Halten Sie es aus, dass Ihr Kind die Meinung der Gleichaltrigen aus seiner Clique mit denen der Familie überprüft. Auch wenn die Meinung der Clique, ihr Verhalten und ihre Regeln zunächst eine enorme Bedeutung hat, da Ihr Kind sich mit seinen Interessen, Ängsten und Unsicherheiten nicht alleine und damit angenommen und verstanden fühlt, werden Werte wie Vertrauen und Verständnis mit zunehmender Reifung immer gewinnen.